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REISEMAGAZIN: CHILE - DER FEUERSPEIENDE VULKAN

Den Staub zwischen den Zähnen, die Grenze Argentiniens am Horizont. Ein Ritt durch die Anden, der Globetrotter Hans-Werner Nees hat ihn gemacht. Zwei Wochen ritt der Frankfurter durch die karge chilenische Gebirgslandschaft, unter ihm erodierte Lavaböden, über ihm ein spuckender Vulkan.

Nees kennt niemanden, als er nach stundenlanger Busfahrt an diesem Apriltag in Pucon im mittleren Süden des Landes eintrifft. Es ist Frühherbst in Chile. Ein Narbengesicht in einer alten Hütte macht den Deutschen mit einem Aussteiger aus Österreich bekannt. Der 39jährige bewirtschaftet ein Stück Land unterhalb des Villarrica, dem feuerspeienden Vulkan. Hier hat er sich sein Haus gebaut ? die Bacher-Alm ? und vermietet Pferde. ...

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Die ersten Tage reiten sie gemeinsam. Der Deutsche, der Österreicher und zwei Amerikanerinnen. Auf dem Rücken Minimalgepäck, das Packpferd beladen mit einem frisch geschlachteten Lamm, Trockenfutter und 20 Litern chilenischen Weins. Ihr Ziel: Der Villarrica, 2.840 Meter hoch. Die Gruppe kommt nur schwer vorwärts. Mit einer Machete kämpft sich das Quartett durch den Busch, erklimmen steile Gebirgshänge bis hin zur Baumgrenze. Durch die Berge führen keine Wege. Es gibt keine Karte, keine Orientierung. Nees trägt ein Global Positioning System mit sich, kann sich damit seine eigene Karte zeichnen. Das kleine Gerät ist für ihn überlebenswichtig, ist seine einzige Chance aus der Wildnis zurückzufinden.

Nach sechs Tagen trennt sich die Gruppe, Nees reitet allein weiter. Extremtemperaturen. Sengende Hitze am Tag, Minusgrade in der Nacht. Der Weg hoch zum Villarrica wird immer beschwerlicher. In den Nächten, wenn er in seinem Schlafsack liegt, hört er Fauchen, Zischen, schreiende Vögel und knackende Äste. ?Du hast permanent das Gefühl, daß du nicht allein bist.? Das Gefühl trügt nicht. Ein paar Pumas folgen der Spur des Deutschen durch die Anden. Er bekommt sie nicht zur Gesicht. ?Ein Puma kennt dich, aber du kennst ihn nicht?, weiß Hans-Werner Nees aus Erfahrung. Die Machete liegt griffbereit neben der Iso-Matte. Die Pferde kann er nachts nicht anbinden, sie würden sonst von den Raubkatzen gerissen. Jeden morgen braucht er mehr als eine Stunde, die Tiere wieder einzufangen. Nees reitet jetzt acht Stunden am Tag.

Nach weiteren drei Tagen ist er seinem Ziel nah. Gefährlich nah. Denn, was Nees noch nicht weiß: Der Villarrica ist aktiv. Nachts läßt er die karge Gebirgslandschaft lila aufglühen, heiße Lava brodelt aus dem Berg. Auch das Wetter schlägt um. Plötzlich wirbelt sich schwarzer Staub hoch. Mit mehr als hundert Stundenkilometern rast eine Windhose auf Nees zu, erwischt das Packpferd. Es scheut, verliert die Ladung, trampelt wild vor Panik auf den Lebensmitteln herum und schießt einen steilen Gebirgshang hinunter. Einige Sekunden glaubt Nees Pferd und Lebensmittel verloren. Das ist das Ende, denkt er.

Doch die Windhose löst sich genauso schnell in die Luft wieder auf, aus der sie gekommen ist. Nees rettet von den Lebensmitteln, was zu retten ist, findet das Packpferd einen Kilometer weiter neben dem steilen Abhang. "Ich hatte einfach nur Glück gehabt." In dieser Nacht sieht er über sich, nur noch wenige hundert Meter von seinem Ziel entfernt, einen hellen Schein. Lava quillt gefährlich nah aus dem Villarrica. "Da wußte ich, daß ich umkehren mußte."

Er lässt sich keine Zeit. Weiß um die tödliche Gefahr der kochenden Suppe. Ein Ritt durch tiefste Dunkelheit und Abgründe. Die messerscharfen Blätter der Auracari-Pflanzen zerschneiden seine Haut. Nur runter vom Villarrica. 70 Kilometer schafft er so in den nächsten acht Stunden. Jetzt trennen ihn nur noch wenige Kilometer von der Zivilisation. Bei der nächsten Gelegenheit will Hans-Werner Nees zurückkehren zum spuckenden Vulkan.

Foto: Hans-Werner Nees
(ecada/Iris Dietz)

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