Je weiter man mit dem Wagen nach Nordosten vordringt, desto üppiger wird die Vegetation. Aus der Ferne ist ein dumpfes Grollen zu hören, wie ein herannahendes Gewitter. Doch das Wetter ist gut, kein Wölkchen ist zu sehen. Des Rätsels Lösung inmitten des Urwalds: Die gewaltigen Iguazú-Wasserfälle.
In 275 Kaskaden stürzen die enormen Wassermassen 80 Meter krachend in die Tiefe. Die Fälle bilden einen Halbkreis. Durch den Aufprall entsteht ein feiner Schleier, der in den Farben des Regenbogens leuchtet. Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Naturschauspiel zu genießen. Einige ziehen die Sicherheit der Aussichtsplattform vor, andere wagen sich auf die nassen Wege und Laufstege, die sich zwischen den Kaskaden entlang schlängeln. Die ganz Mutigen versuchen es mit dem Schlauchboot....

Solch Maßlosigkeit ist in Argentinien etwas völlig normales. Die Menschen hier sind Superlative gewohnt, sie kennen nichts anderes. Allein die Größe des Landes spricht für sich: Spanien würde fünf Mal in die Landesfläche passen. Die südlichste und die nördlichste Stadt sind rund 3.700 Kilometer voneinander entfernt, das entspricht der Strecke Lissabon-Moskau. Flüsse können hier so breit werden, dass man das andere Ufer nicht mehr sieht. Eisfelder von über 80 Meter Höhe erstrecken sich kilometerweit. Und dann ist da noch die Pampa, der Inbegriff der argentinischen Wildnis.
Im Zentrum des Landes gelegen: Die Pampa, ein grasgrünes Meer, eine endlose Ebene. Hier herrschen die berühmten Gauchos, die sich um Argentiniens riesige Rinderherden kümmern. Das Aussehen der Herrenreiter hat sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert: Einfaches Hemd, Pluderhose, Hut, Halstuch und Sporen an den Stiefeln. Dazu noch ein Messer im Gürtel und ein Satz ?Boleadoras? ? drei an Stricken gebundene Steine, mit dem das Vieh eingefangen wird.
Auch Reisende können das Leben auf dem Lande kennen lernen und ein paar Tage mit den Männern verbringen. Überall finden sich ?Estancias?: Anwesen, auf denen Ackerbau und Viehzucht betrieben wird. Statt einer Anmeldung an der Rezeption genügt oft der Name und ein fester Händedruck. Doch wehe, der Gast kommt des Nachts oder zur Siesta. Diese Zeiten sind dem Gaucho heilig.
Zwar wird man aufgefordert, an allen Aktivitäten teilzunehmen, doch das ist nur bedingt gültig. Es ist unangebracht, als Fremder bei der Zubereitung eines Bratens mitzuhelfen ? sei es auch nur das Anfachen des Feuers. Diese Aufgaben sind einem Spezialisten vorbehalten, der eifersüchtig über seine Arbeit wacht. Dafür wird er aber gerne über seine Grill-Techniken und -Geheimnisse plaudern. Nach dem Essen versammeln sich die Gauchos um das Feuer, singen oder tragen Gedichte aus dem Stehgreif vor. Andere nippen stumm an ihrem Mate-Tee und genießen die Einsamkeit der Pampa.
Foto: Argentinisches Fremdenverkehrsamt
(ecada/Alexander Bagnioli)