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Reisetipp-Infos

Reiseland
Spanien 
Region
La Palma 
Ort
La Palma 
Rubrik
Sehenswertes 
erstellt am
06.05.10 

Wandern entlang der Vulkanroute

Stundenlang hatte ich den Wanderführer studiert, um den letzten Ausflug, es sollte natürlich der Höhepunkt unseres Urlaubs auf La Palma werden, herauszusuchen, hatte diesen und jenen Vorschlag unterbreitet, war selbst nicht ganz glücklich damit, wogten doch dichte Passatwolken um die Berghänge. Da sagt meine Frau in meine tiefgründigen Überlegungen hinein, wir sollten doch von El Pilar, wo wir die vielen Autos geparkt gesehen hatten, loslaufen. Wo so viele Autos stehen, müsse doch eine wunderbare Wanderung beginnen. Das sollten wir doch einfach ausprobieren. All meine Argumente, daß wir dann den ganzen Tag in dichten Wolken marschieren, ließ sie nicht gelten. Wir setzten uns ins Auto und fuhren hin. Dichter Nebel ließ uns sehr langsam vorwärts kommen, nur durchbrochen von meinen dummen Bemerkungen. Endlich erreichten wir El Pilar,
stellten das Auto ab, sahen kaum die Hand vor Augen, suchten mühsam den Einstieg in den Wanderweg.
"Na, was habe ich dir gesagt?" ließ ich mich höhnisch vernehmen. La ruta de los vulcanes verhieß ein aufregendes Panorama.

Aber sehen müsste man etwas! Ich ließ meinen Vorwürfen weiterhin freien Lauf, und wir wanderten los. Der Weg, wir hatten ihn dann doch gefunden, ging steil bergan. Wunderschöne, langnadelige Kiefern säumten den Pfad, aber sie steckten wie wir im Nebel. Einen samtenen Nadelteppich haben sie uns auf dem Weg bereitet. Wir sahen ihn kaum, fühlten ihn aber unter den Füßen, stapfen bergan rund um den Vulkan Pico Birigoyo. Gewaltige Schlackehänge stürzen sich von oben aus dem Nebel auf uns Wanderer herab, nur abgewehrt durch ein Mäuerchen aus Basalt und Bimsstein.

Ich wage erneut einen leisen Einwand ob unserer Wanderentscheidung, werde aber zurückgewiesen, ich hätte es ja auch nicht besser gewusst, und mein Vorschlag wäre vielleicht noch viel schlechter gewesen. Wir trabten wortlos weiter durch den Nebel nach oben. Allmählich ist zu spüren, dass das Gewabere sich lichtet, durchsichtiger zu werden scheint. Die ersten Kiefern mit den herrlich langen Nadeln zeugen ihre Wipfel. Der weitere Anstieg bestätigt, dass der Nebel sich auflöst. Und dann erleben wir ein Wunder: Plötzlich stehen wir an der Montanaos Charcos oberhalb der Wolken in strahlendem Sonnenschein, meine Frau stolz ob ihres Wandervorschlages, ich kleinlaut ob meiner Vorhaltungen und genießen gemeinsam eine traumhafte Fernsicht.

Beschwingt steigen wir weiter empor, erreichen den Kamm der Cumbra vieja und werfen unsere Jacken von uns.
Sommerliche Wärme strahlt, kein Lüftchen regt sich, Dohlen umschwirren einen nahen Vulkankegel. Wir blicken gebannt um uns herum: Im Norden die felsigen Steilwände der Caldera de Taburiente, der Talkessel wolkenerfüllt. Über die Cumbra nueva bildet das von Osten anbrandende Gewölk einen Wolkenwasserfall, von hier oben wunderbar zu beobachten. Als meine Frau mich lachend fragt, ob das denn kein schöner Vorschlag gewesen sei, den sie gebracht habe, nahm ich wortlos zwei Hände Asche und streute sie auf mein Haupt.

Genug davon war ja hier vorhanden. Durch Vulkanasche stapften wir weiter nach oben. Vor uns links winkt in gleißendem Sonnenlicht der schneebedeckte Teide von Teneriffa herüber. Wir winkten begeistert
zurück, hatten wir doch auf seinem Gipfel vor Jahren auch schon gestanden. Im Weitergehen öffnet sich vor uns rechts ein riesiger Schlund, der Krater des Hoyo Negro Vulkans. das schwarze Loch, ein sehr treffender Name für die senkrecht abfallenden Wände. Wir wandern wieder aufwärts und erblicken am Horizont die nächste Nachbarinsel La Gomera, auch sie aus dichten Passatwolken herausschauend. Vor uns türmt sich der rötliche Schlackeberg des Deseada. Davor ein tiefer Kratersee.

Das Fließen der Lava ist noch in der Erstarrung gut erkennbar, Crater del Durazuero. Hier halten wir Rast, haben ganz für uns allein den lachenden Sonnenschein, einen überwältigenden Rundblick, meine Frau ihren stolzen Gesichtsausdruck und ich meine Asche auf dem Haupt. In traumhafter Bergeinsamkeit auf dem Vulkanrücken der Insel La Palma meditiere ich über die Unterschiede der Entscheidungsfindung bei Frau und Mann. Ich mit meinem Tunnelblick konzentriert abwägend, krampfhaft nach der besten Variante suchend, Möglichkeiten auslotend, Varianten verwerfend und am Schluß wie so oft die falsche Entscheidung treffend.

Meine Frau , lächelnd neben mir sitzend, hatte ohne aufwendiges Kalkül einfach ihrem Bauchgefühl nachgegeben, dort, wo die meisten Autos stehen, müsse der beste Wanderweg sein und, wie so oft, voll ins Schwarze getroffen. Es war unsere schönste Wanderung geworden und ich froh, dass sie mich trotz meiner vielen kleingläubigen Querelen nicht zurückgeschickt hatte, ich mitwandern und ebenfalls genießen durfte. Ich habe mir auf der Höhe der Cumbra vieja, wieder einmal, vorgenommen, mehr auf meine Frau und ihren Bauch zu hören. Abends musste ich mir dringend die Haare waschen. Das Wasser sah schwarz aus: Vulkanasche von meinem Haupt.

Dr.Christian W.Schmidt "Im Plausch mi(d)t der Zeit"
www.christianWschmidt.de

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